Nicht selten stolpere ich beim Übersetzen alter Dokumente über Berufsbezeichnungen, die wie aus einer anderen Welt klingen. Was genau machte ein Gasriecher, ein Ritzenschieber oder Klappermann? Für unsere Vorfahren waren diese Berufe Teil ihres Alltags, sichtbar im Dorf, hörbar auf der Straße, unverzichtbar für ihr Leben. Heute dagegen wirken diese Worte fast märchenhaft – als hätten sie nie wirklich existiert. Und doch waren sie einst so real wie für uns der Bäcker an der Ecke oder der Paketbote vor unserer Haustür.
Der Fortschritt hat diese Tätigkeiten nicht nur verändert – er hat sie ausgelöscht. Die Industrialisierung fegte wie ein Sturm durch die Arbeitswelt und ließ viele dieser Berufe einfach verschwinden. Maschinen übernahmen ihre Aufgaben, neue Technologien machten sie überflüssig, und mit ihnen verschwand auch die Sprache, die sie benannte. Zurück blieben nur die Spuren in alten Dokumenten und die Verwunderung derer, die sie heute lesen.
Genau dieser Blick in die Vergangenheit wirft eine spannende Frage auf: Welche unserer heutigen Berufe werden für unsere Nachfahren genauso rätselhaft sein? Vielleicht werden auch sie eines Tages über Begriffe stolpern wie Datenerfasser, Buchhalter oder Texter – und sich wundern, warum Menschen dafür bezahlt wurden, Dinge zu tun, die für sie selbstverständlich automatisiert sind.
So wie wir heute kaum glauben können, dass jemand einst jeden Abend durch die Straßen ging, um Gaslaternen anzuzünden, werden unsere Nachfahren vielleicht staunen, dass Menschen früher stundenlang Tabellen pflegten, E-Mails sortierten oder Texte manuell verfassten. Die Künstliche Intelligenz wird für sie das sein, was die Dampfmaschine für unsere Vorfahren war: ein Wendepunkt, der ganze Berufswelten verschwinden lässt.
Und genau wie wir heute in alten Briefen rätseln, was eine Fischbeinreißerin oder ein Wannenverleiher war, werden zukünftige Generationen vielleicht über unseren Unterlagen sitzen und sich fragen, was ein „Social-Media-Manager“ eigentlich den ganzen Tag tat – und warum man dafür überhaupt Menschen brauchte.
Der Blick zurück zeigt uns, wie schnell sich die Welt verändert. Der Blick nach vorn erinnert uns daran, dass wir gerade mitten in einem neuen historischen Umbruch stehen: Die verschwundenen Berufe von gestern – und die vergänglichen Berufe von heute.
Es folgt eine kurze Erläuterung, was sich hinter den historischen Berufsbezeichnungen verbirgt, die ich im Artikel verwendet habe und worin deren Aufgabe bestand.
Ein Gasriecher war eine Person, die mit ihrer eigenen Nase undichte Gasleitungen oder Gaslaternen aufspürte. Bevor es Messgeräte gab, mussten Städte sicherstellen, dass nicht unbemerkt Gas aus den städtischen Gasleitungen ausströmte. Daher stellten die Gasunternehmen Menschen an, die durch die Straßen gingen und an Gaslaternen, Leitungen und Hausanschlüssen rochen. Es war ein gefährlicher, gesundheitsschädlicher und schlecht bezahlter Beruf. Viele Gasriecher litten unter Atemwegsproblemen, Schwindel oder Vergiftungen.
Ein Ritzenschieber war ein Arbeiter, der in Gießereien und Hütten tätig war. Seine Aufgabe bestand darin, die Ritzen und Fugen der Gussformen zu reinigen, zu glätten, nachzuarbeiten und für den nächsten Guss vorzubereiten. Die „Ritzen“ waren die feinen Spalten in Sand- oder Lehmformen, durch die flüssiges Metall floss oder entweichen konnte. Wenn diese nicht sauber waren, konnte der Guss misslingen – das Werkstück bekam Fehler, Blasen oder brach. Der Ritzenschieber arbeitete also direkt an der Form, oft bei großer Hitze, Staub und Lärm. Es war ein körperlich schwerer, schmutziger und gefährlicher Beruf. Andere Quellen bezeichneten Personen, die mit einer schmalen Schaufel die Ritzen zwischen den Straßenbahnschienen säuberten als Ritzenschieber. Somit sorgten diese dafür, dass die Straßenbahnen sicher im Gleisbett fahren konnten und nicht entgleisten.
Der Klappermann war ein Nachtwächter, der mit einer Holzklapper durch die Straßen ging. Seine Aufgabe bestand darin, die Nachtruhe zu sichern, Gefahren anzukündigen, wie z. B. die Meldung eines Brandes, Betrunkene oder Störenfriede zu vertreiben und die aktuelle Stunde auszurufen. Die Klapper diente dabei als Warnsignal. Sie war laut, unverwechselbar und funktionierte auch dann, wenn es dunkel, neblig oder stürmisch war. Sie war das „Instrument der einfachen Leute“ Eine Glocke durfte der Klappermann nicht benutzen, diese war nur den Amts- und Würdenträgern vorbehalten.
Eine Fischbeinreißerin war eine Frau, die Fischbein aus Walknochen – genauer gesagt aus den Barten von Bartenwalen – herauslöste, reinigte und für die Weiterverarbeitung vorbereitete. Fischbein war ein begehrtes Material, weil es elastisch und dennoch stabil, leicht und langlebig war und sich gut formen ließ. Es wurde vor allem für Korsetts verwendet (als Stäbchen zur Formgebung), für Reifröcke, Sonnenschirme, Fächer, Hutgestelle, Schirme, Peitschen oder feine Handwerkswaren. Die Fischbeinreißerin arbeitete in Werkstätten, die eng mit dem Walfang verbunden waren. Ihre Aufgabe war körperlich schwer und gesundheitsschädlich – denn das Herauslösen der Barten aus den Walkiefern war ein harter, übelriechender und schmutziger Prozess.
Ein Wannenverleiher stellte Badewannen und Badezubehör gegen eine Gebühr zur Verfügung. Dies wirkt heute fast schon kurios, war aber früher absolut notwendig, denn die meisten Menschen hatten keine eigene Badewanne. Fließendes Wasser war selten und Baden ein Luxus, der nur gelegentlich stattfand und den sich in erster Linie nur der Adel und das Großbürgertum leisten konnten. Der Wannenverleiher brachte daher eine transportable Holz- oder Zinkwanne, oft auch heißes Wasser oder zumindest den Zugang dazu und manchmal sogar Seife, Handtücher oder Badezusätze.
