Manchmal beginnt eine Reise für mich nicht am Bahnhof, sondern auf einem alten Blatt Papier. Wenn ich historische Schriften übersetze, stoße ich auf Aufzeichnungen von Menschen, die vor mehr als hundert Jahren unterwegs waren. Dann entstehen vor meinem inneren Auge Bilder: eine Abfahrt im Morgengrauen, ein Koffer im Zugabteil, die Vorfreude auf eine Stadt, aber auch die Furcht vor dem Ungewissen.

Im 19. Jahrhundert war Reisen noch etwas Besonderes. Wer es sich leisten konnte, reiste. Aber Reisen war damals nicht nur eine Frage des Geldes – es ging auch um Herkunft, Stand und Bildung. Wer zu den wohlhabenden oder gebildeten Schichten gehörte, konnte sich eine Reise durch Europa leisten. Man reiste nach Italien, in die Schweiz oder nach Frankreich – zur Erholung, zur Bildung, wegen der Kunst oder einfach, um die Welt kennenzulernen. Eine solche Reise konnte Wochen oder Monate dauern. Man machte Kuraufenthalte, besuchte Museen, Galerien, Theater und Konzerte – es ging um gesellschaftliche Begegnungen und Repräsentation. Sehen und Gesehen werden.

Viele berühmte Schriftsteller machten ihre Reisen selbst zum Thema ihrer Werke. Heinrich Heine lebte lange Zeit in Paris und beobachtete das Leben zwischen deutscher und französischer Kultur. Charles Dickens verarbeitete seine Reisen durch Europa und Amerika in Reiseberichten. Mark Twain schrieb humorvoll über seine Europareise.

Doch auch Frauen reisten im 19. Jahrhundert, obwohl ihre Möglichkeiten deutlich stärker eingeschränkt waren als die der Männer. Besonders für Frauen aus wohlhabenderen Familien wurden Studienreisen zunehmend interessant. So erhielten sie Zugang zu Bildung und Wissen, welche lange Zeit nur Männern vorbehalten war.
Die junge Malerin Paula Becker, später Paula Modersohn-Becker, reiste Ende 1899 nach Paris, besuchte Museen und Galerien und studierte an der Académie Colarossi. Ihre Bilder markieren einen entscheidenden Schritt in die expressionistische Malerei. Clara Westhoff, die später als Bildhauerin bekannt wurde, ging ebenfalls nach Paris. Sie studierte dort und kam mit dem berühmten Bildhauer Auguste Rodin in Kontakt. Für beide Frauen bedeutete die Reise vor allem eines: Freiheit und Selbstverwirklichung. Heute selbstverständlich – damals eine Ausnahme.

Das Interessante an historischen Briefen aber ist: Das Wort Reise kann immer etwas völlig anderes bedeuten.

„Ich fahre für einige Wochen nach Italien.“
„Der Arzt hat mir geraten, zur Kur zu fahren.“
„Wir reisen zur Sommerfrische und werden einige Wochen in den Bergen verbringen.“
„Ich gehe auf Wanderschaft und weiß noch nicht, wohin mich mein Weg führen wird.“
aber auch:
„Wir haben alles verkauft, was wir entbehren konnten, und machen uns nun auf den Weg.“
„Ich muss fort, weil es hier keine Arbeit mehr gibt.“ 
oder:
„Ich verlasse meine Heimat, um irgendwo anders mein Glück zu versuchen.“
„Ich fahre nach Hamburg, von dort geht unser Schiff nach Amerika.“
„Ich verlasse das Elternhaus, um mir selbst meinen Lebensunterhalt zu verdienen.“
„Die Reise kann ich mir eigentlich nicht leisten, aber ich muss dort persönlich erscheinen.“

Solche Reisen erzählen nicht nur davon, wohin Menschen reisten, sondern auch davon, warum sie aufbrachen. Wenn ich eine historische Schrift übersetze, muss ich mich in eine Welt hineinversetzen, in der Worte manchmal eine andere Bedeutung hatten als heute. Ich lese nicht nur Sätze. Ich suche nach dem Menschen dahinter. Besonders schön sind die kleinen Details: ein Name, ein Bahnhof, ein Hotel, eine Bemerkung über eine Stadt – plötzlich bekommt die Vergangenheit einen Ort und eine Richtung.