Im Zuge der Erstellung dieses Portfolios
habe ich versucht, mich zurückzuerinnern, wann mein Interesse an der altdeutschen Schrift begonnen hat, wie und durch welchen Impuls das Feuer dafür entfacht wurde: Es war wohl die „merkwürdige“ Handschrift meiner Großmutter. Sie vermischte die Sütterlinschrift, die sie als Kind gelernt hatte mit der lateinischen Schrift, die in Deutschland ab 1941 geschrieben werden musste. So hörte ich zum ersten Mal von der Kurrentschrift, der Fraktur und von Ludwig Sütterlin.
Ich wurde dann Kartograph
und hatte u. a. viel mit Schriften und Schriftsetzung zu tun. Wir schrieben unsere Dokumentationen in Normschrift; irgendwann jedoch fing ich an, in alter deutscher Schrift zu schreiben. Ein Spaß – denn bis auf meinen Tutor konnte niemand meine Aufzeichnungen lesen. Meine berufliche Laufbahn begann 1990 bei einem Amtsgericht, im Bereich Grundbuch und Kataster. Ich arbeitete seitdem mit tausenden alten Grundbuchakten, Flurbüchern, Mutterrollen, Gebäudesteuerrollen, Grenzverhandlungen und Vermessungsrissen und das seit nunmehr 35 Jahren. Nicht unwesentlich hinter all diesen Einträgen ist der rechtliche Hintergrund. Denn all diese Verträge und Verhandlungen haben i.d.R. Rechtskraft und sind bis in die heutige Zeit gültig.
Während meines Fernstudiums
lernte ich das Recherchieren in großen Datenbanken und Archiven. Vor allem aber bekam ich einen Einblick in das Verlags- und Urheberrecht. Gerade heute sind Dokumente schnell im Internet veröffentlicht und kaum jemand weiß, dass das Recht an einem Dokument erst 70 Jahre nach dem Ableben des Urhebers erlischt.
Heute setze ich mich
für den Erhalt und die Verbreitung der alten deutschen Schreibschrift ein. Ich gebe Kurse zum Erlernen, zum intensiven Schreiben und Lesen der deutschen Schrift. Durch meine Arbeit als Sachverständige treten Menschen mit mir in Kontakt, mit jahrhundertealten Dokumenten und hoffen, mit der Übertragung Gewissheit oder zumindest etwas Licht in die Vergangenheit ihrer Familiengeschehnisse zu bringen. Die Resonanz ist überwältigend.
Eine Bemerkung zum Schluss:
Ich kann historische Dokumente in sauberer Handschrift ebenso flüssig und sicher lesen, wie Sie ein gedrucktes Buch oder eine Zeitung. Oft liegt die Herausforderung darin, sich an die spezifische Handschrift des Verfassers zu gewöhnen. Auch früher gab es sowohl Schönschreiber als auch Schmierfinken. In den Amtsstuben waren viele Abkürzungen üblich, und die meisten alten Berufe sind heute nahezu unbekannt. Alltagsgegenstände, Maßeinheiten und Gewichte hatten ungewöhnliche Bezeichnungen, Währungen wurden abgeschafft und viele alte Ortsnamen finden sich nicht mehr in ihrer ursprünglichen Schreibweise auf unseren heutigen Landkarten. In den allermeisten Fällen ist nach einer kurzen Einlesezeit in die Handschrift des Verfassers eine vollständige Übertragung problemlos möglich. Aber es gab auch Fälle, wenn auch sehr wenige, wo auch ich passen musste. Als Sachverständige arbeite ich nach dem Prinzip, den Inhalt richtig und nicht scheinbar richtig wiederzugeben.